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Home - NKWD und Gestapo

 

NKWD (Narodnyj komissariat wnutrennych del = Volkskommissariat für Inneres) und Gestapo (Geheime Staatspolizei) müssen geschichtlich interessierten Mitteleuropäern nicht vorgestellt werden.

Zwischen NKWD und Gestapo, bisweilen auch zunächst in umgekehrter Richtung: vor der Gestapo flüchtend in die Sowjetunion, bewegten sich (oder wurden zwangsweise bewegt) zwischen 1933 und 1941 zahlreiche Arbeitsemigranten und Politemigranten aus Deutschland (und aus anderen europäischen und asiatischen Ländern).
Spezialisten, auch einfache Berg- oder Bauarbeiter, Kommunisten, Unpolitische, auch Deutschnationale, fuhren der Arbeitslosigkeit in Deutschland weg, dem industriellen Aufbau in der Sowjetunion (2. Fünfjahrplan) entgegen.

Deutsche Bergleute 1933 in
Brjansk-Rudnik bei Charkow/Ukraine
(Bild: Deutsche Bergleute 1933 in Brjansk-Rudnik bei Charkow/Ukraine)

Kommunisten, meist mit Zustimmung und Unterstützung ihrer Partei, suchten durch die Emigration in die SU nationalsozialistischer Verfolgung zu entkommen. Arbeitsemigranten, die nicht rechtzeitig zurückgekehrt waren, Politemigranten allemal, wurden vor allem ab Mitte der 30er Jahre Opfer von Parteisäuberung und NKWD-Terror. Ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung wurden Unpolitische, Kommunisten, sogar Juden von den sowjetischen Behörden ausgewiesen, nach dem Hitler/Stalin-Pakt und der Besetzung Polens unmittelbar vom NKWD an die Polizei des NS-Regimes ausgeliefert.
Lange Zeit gab es kaum eine publizistische und wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Ereignissen. Fritz Löwenthal, Ihr Schicksal in der Sowjetunion (Deutsche Kommunisten als Opfer des NKWD), Berlin 1948, und Margarete Buber-Neumann, Als Gefangene bei Stalin und Hitler, standen fast allein.

Als die Sowjetunion sich auflöste, veröffentlichte 1990 Hans Schafranek (Wien) seine Untersuchung "Zwischen NKWD und Gestapo", in der er die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937-1941 darstellte. 1996 erschien die Arbeit von Carola Tischler, "Flucht in die Verfolgung" über deutsche Emigranten im sowjetischen Exil 1933-1945. 
Ein paar Jahre später wurde zunächst von Gerhard Kaiser in seiner Arbeit "Rußlandfahrer - Aus dem Wald in die Welt" (Tessin 2000) die Geschichte der Facharbeiter aus dem Thüringer Wald dargestellt, die in die UdSSR gegangen waren.

2001 veröffentlichte Wilhelm Mensing seine umfangreiche Untersuchung "Von der Ruhr in den GULag" über die Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet. Sie zielte vor allem darauf, diesen, fast allesamt vergessenen Gewaltopfern mit einer biographisch orientierten Untersuchung, die weit über 200 Personen erfaßte, ein Denkmal zu setzen.
Das vom Klartext Verlag, Essen, herausgegebene Buch ist vergriffen; Restexemplare beim Autor (siehe Info) zum Preise von 5 €.

Die Quellen zu den Biographien in dieser Untersuchung, die aus Ersparnisgründen nicht abgedruckt wurden, sind, nachträglich ergänzt und erweitert, hier auf diesen Seiten zu finden (siehe Quellen).
Überdies werden hier nachträglich bekannt mgewordene Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet (siehe Repressierte) ebenso vorgestellt wie Quellenhinweise, die der Autor erst nach Erscheinen seiner Untersuchung aufgefunden oder (vor allem aus der Russischen Föderation) erhalten hat. Das gilt entsprechend für nachträglich mitgeteilte Rehabilitierungen, von denen seit Juni 2002 auch einige aus der Ukraine kamen (siehe z.B. bei H. und W. Herzig, Kratzke, Kresal, Machmüller).

Über die Umstände der Ausweisung von Emigranten in der Zeit zwischen dem Abschluß des Hitler/Stalin-Pakts (August 1939) bis zum Angriff auf die Sowjetunion (Juni 1941) hat es seit Jahrzehnten immer wieder spekulative Darstellungen gegeben, die darauf hinausliefen, daß Stalin seinem Partner Hitler diesem verhaßte Kommunisten "zum Fraße vorgeworfen" habe. Diesen Spekulationen ist Mensing nachgegangen. In seinem Beitrag "Eine 'Morgengabe' Stalins an den Paktfreund Hitler? Die Auslieferung deutscher Emigranten an das NS-Regime nach Abschluß des Hitler-Stalin-Pakts - eine zwischen den Diktatoren arrangierte Preisgabe von 'Antifaschisten'?" in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat Ausgabe Nr. 20/2006, S. 57-84, ist Wilhelm Mensing zu dem  Ergebnis gekommen, daß die Spekulationen keine historische Grundlage haben. Eine wesentlich erweiterte und ergänzte Darstellung dieses Gegenstandes ist in Vorbereitung.

Willi Harzheim(Bild: Willi Harzheim)

 

Gleichzeitig mit der Untersuchung über die aus dem Ruhrgebiet gekommenen Opfer des Stalin-Terrors erschien im gleichen Verlag, herausgegeben von Wilhelm Mensing, die schmale literarische Hinterlassenschaft eines dieser Opfer: des 1904 in (Gelsenkirchen-)Horst geborenen Arbeiterschriftstellers Willi Harzheim, der 1937 in Prokopjewsk/Westsibirien erschossen wurde: „Willi Harzheim 1904 -1937  Arbeiterschriftsteller aus Horst

 

Das Gedenken der Opfer ist auch Gegenstand des Beitrages „Die deutschen Opfer des ‚Großen Terrors’ – vergessen – erinnert ? Betrachtungen zu den Folgen stalinistischer Gewaltherrschaft“, den Wilhelm Mensing in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (ZdF) Nr. 12/2002 veröffentlichte.

 

Zu einer wichtigen Quellensammlung, die der Autor verwendete, den Protokollen der Rußlandrückkehrer im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts ist vom gleichen Autor ein Beitrag im "JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2003/III erschienen.

 

Helmut Weiss-Wendt(Bild: Helmut Weiss-Wendt 1957, nach dem Ende seiner Haft- und Verbannungszeit in Karaganda)

Eine biographische Skizze des aus seiner Heimatstadt Dresden 1934 in die Sowjetunion emigrierten jungen Schriftstellers Helmut Weiß (* 13.5.1913) ist in der Zeitschrift EXIL 2/2003 erschienen. Der einer jüdischen Familie entstammende Weiß wurde als Jugendlicher wegen seines Engagements im KJVD vom König-Georg-Gymnasium verwiesen. Er schrieb unter dem Pseudonym Hans Wendt (Bremen) Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften und schlug sich als Klavierlehrer durch. Nach seiner Emigration erschien 1937 in Kiew von ihm eine Erzählungssammlung „Heer im Dunkeln“ (Geschichten aus Nazi-Deutschland). Daß er dort einen Kommunisten, der nach physischer und psychischer Gestapofolter andere verraten hatte, als „Opfer“ bezeichnete, statt ihn Verräter zu nennen, trug ihm eine Anzeige durch ein Führungsmitglied der KPD ein. Nach 10 Jahren Lager und anschließender „ewiger Verbannung“ in Karaganda/Kasachstan kam Weiß 1957 nach Estland. Dort arbeitete er als Musikpädagoge. Zwischen 1960 und 1990 konnte er zwar eine Reihe von Besuchen in der DDR machen. Gelegenheit zu schriftstellerischer Arbeit fand er nicht wieder. Nur einige seiner Gedichte aus den 30er Jahren wurden in Anthologien veröffentlicht. Er starb im Jahre 2000 in Narwa.

Mit einer regionalen Untersuchung (vor allem Nordrhein-Westfalen, Stapoleitstelle Düsseldorf) über "Von der Gestapo in Dienst genommene V-Leute kommunistischer Herkunft" näherte sich der Autor dem anderen Pol der düsteren Paarung "NKWD und Gestapo".

Eine umfangreiche Aktenrecherche ergab, daß noch mindestens um die 100 V-Leute aus der KPD, deren Nebenorganisationen oder ihrem Umfeld nachzuweisen sind, die die Gestapo im Bereich ihrer Leitstelle Düsseldorf in Dienst genommen hat oder die dort tätig geworden sind. Eine deutlich lückenhafte Kartei, die Jahrzehnte nach der NS-Zeit angefertigt wurde, ist das einzige Hilfsmittel für die Erschließung des Bestandes von weit über 60.000 Gestapo-Akten im Landesarchiv Noirdrhein-Westfalen (ehemals Düsseldorfer Hauptstaatsarchiv) unter dem Gesichtspunkt der Tätigkeit von V-Leuten. Karteien oder Sachakten des Nachrichtenreferats der Gestapoleitstelle sind nicht erhalten. So erweist sich diese Auswertung des großen Aktenbestandes als sehr aufwendig und zeitraubend.

Das Düsseldorfer Material ließ sich ganz erheblich erweitern vor allem durch die Z-Bestände des Bundesarchivs, NS-Akten, die bis 1990 im Besitz der DDR gewesen waren. Die Auswertung dieser Akten durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) – systematische Kategorisierung von der Gestapo erfaßter Kommunisten als Verräter, Spitzel, Agenten, V-Leute; in Einzelfällen auch operative Vorgänge zu ehemaligen kommunistischen V-Leuten der Gestapo in Verbindung mit Karteivermerken in den von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR verwahrten Beständen lieferte eine Vielzahl von weiterführenden Hinweisen.

Zwar enthält die reiche Literatur über den kommunistischen Widerstand gegen das NS-Regime viele allgemeine Hinweise auf den Einsatz von Spitzeln. Sie gibt auch Veranlassung anzunehmen, daß die tatsächliche Zahl geheimer Mitarbeiter der Gestapo mit kommunistischer Herkunft - freiwillige und gepreßte, kurzzeitige und langjährige - nicht unerheblich höher gelegen hat, als sich das jetzt aus den Gestapo-Akten nachvollziehen läßt. Es gibt aber in der zeitgeschichtlichen Literatur, nicht nur in dem auf Heldenverehrung orientierten parteilichen Schrifttum, eine auffallende Zurückhaltung bei der Darstellung konkreter Beispiele, der biographischen Karrie ren Betroffener, schon gar unter Nennung von Namen, und sei es solcher, die seit vielen Jahrzehnten tot sind. Eine systematische Aufarbeitung des Komplexes fehlt noch. Allerdings arbeitet Hans Schafranek (Wien) an einem umfangreichen Projekt.

Angehörige der Britischen Besatzungsarmee haben sich nach dem 2. Weltkrieg als erste systematisch mit den Düsseldorfer Gestapo-Akten beschäftigt, besonders mit solchen, die Hinweise auf V-Leute lieferten. Handschriftliche Notizen in den Akten, auch über eingehende Gespräche mit Betroffenen, und Bruchstücke von Korrespondenz belegen das. Über Ziel und Ergebnis dieser Aktensichtung und Überprüfung einzelner Personen läßt sich bisher fast nur spekulieren. Keine Publikation ist bekannt, das Auskunft darüber geben würden. Zwei Dokumente dazu haben sich bisher gefunden, eines, das wenigstens die britische Dienststelle, ihren Sitz und zwei ihrer Mitarbeiter angibt, die mit der Überprüfung befaßt waren (HStA Düsseldorf RW 58 19865 Bl. 65); das andere enthält offenbar die Umsetzung einer Aufforderung westdeutscher Kommunisten an ihre Genossen in der „Ostzone“ aus dem Jahre 1949, einen jetzt in Thüringen lebenden ehemaligen Genossen ausfindig zu machen, der für die Gestapo in Düsseldorf tätig war. Die Aufforderung stützt sich auf einen „im Besitze der Engländer befindlichen Katalog“, aus dem hervorgehe, daß der Betroffene „von den Engländern als Spitzenklasse in der Abwehr gegen Kommunisten bezeichnet“ werde (BArch ZR 939 A. 11, nicht pagin.). Alles spricht dafür, daß dieser „Katalog“ ein Arbeitsergebnis der in Düsseldorf tätig gewesenen Nachrichtendienst-Offiziere gewesen ist. Der „Katalog“ scheint bisher unauffindbar.

Eventuell weiterführende Hinweise sind willkommen.

Teilergebnisse der Untersuchung über die V-Leute kommunistischer Herkunft hat Wilhelm Mensing im Kolloquium des Instituts für Soziale Bewegungen (Ruhr-Universität Bochum) im Januar 2004 und bei der Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin zum Thema "Verrat in der Arbeiterbewegung" im November 2004 vorgestellt . Eine überarbeitete Fassung des Bochumer Referats ist im Mitteilungsblatt des Instituts in 34/2005 veröffentlicht worden. Weitere Teilergebnisse sind im Jahrbuch für historische Kommunismusforschung 2004 unter dem Titel "Vertrauensleute kommunistischer Herkunft bei Gestapo und NS-Nachrichtendiensten am Beispiel von Rhein und Ruhr" erschienen. Eine Veröffentlichung mit dem Schwerpunkt auf dem Umgang mit den V-Leuten in der Nachkriegszeit ist in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (ZdF) Ausgabe Nr. 17/2005 unter dem Titel "Bekämpft, gesucht, benutzt. Zur Geschichte der Gestapo-V-Leute und 'Gestapo-Agenten'" abgedruckt.

HStA RW 58 19865 Bl.65 
(Bild: HStA RW 58 19865 Bl.65)

Zwischen Ost und West - wenn auch nur innerhalb Deutschlands - bewegten sich auch die Kommunisten, die im Auftrag der SED/KPD-Zentrale in Berlin als Mitarbeiter des Grenzapparates von Richard Stahlmann tätig wurden. Seine Kuriere besorgten schon bald nach dem 2. Weltkrieg geheime Sendungen - Anweisungen, Informationen, Propagandamaterial - zwischen Ost und West, zwischen der Berliner Parteizentrale und den KPD-Landesleitungen, später dem Dreizonenvorstand im Westen. Sie schleusten Funktionäre illegal über die Zonengrenze, die in Berlin Bericht erstatten und Instruktionen entgegennehmen oder geschult werden, im Westen Aufträge erledigen sollten, von denen die westlichen Alliierten möglichst gar nichts oder allenfalls im nachhinein erfahren sollten. Auch der damalige FDJ-Vorsitzende Erich Honecker ließ sich bei Nacht und Nebel auf solche Weise Ende der 40er Jahre bei Walkenried heimlich in den Westen geleiten.
Mitarbeiter dieses Dienstes waren vielfach, auch in NS-Haft, bewährte Kommunisten wie etwa Peter Gingold, Camillo Scariot aus Essen/Ruhr oder der Spanienkämpfer Fred Schofs.
Die militärischen Nachrichtendienste der Westalliierten waren wohl recht gut informiert über diesen Kurier- und Schleuserdienst. Aus amerikanischen Quellen gibt es einen umfangreichen Bericht darüber. Aber auch das MfS hat sich mit Mitarbeitern dieses Dienstes befaßt, sie überprüft, sie auch für andere Aufgaben in Dienst genommen.
In Nr. 18/2005 der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat ist unter dem Titel "Zwischen Ost und West - Kuriere und Schleuser im Dienst von KPD und SED" ein Bericht über diese Dienste erschienen. Später erschien vom Autor der Beitrag: Illegaler Grenzverkehr SED/KPD/DKP zwischen KPD-Verbot und den 70er-Jahren, Deutschland Archiv 41 (2008) 4, S. 664-672, aus der Arbeit der Abteilung Verkehr des ZK der SED. 

Vor ihrer Veröffentlichung steht die Arbeit an einer umfassenden Darstellung der Tätigkeit der Abteilung der Abteilung Verkehr des Zentralkomitees der SED - jahrzehntelang unter der Aufsicht des Politbüro-Mitglieds Hermann Matern - insbesondere der Schleusungs- und Kurierdienste dieser Organisation zum Nutzen der illegalen KPD und später der DKP, in den 50er, 60er und frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Informationen zur Motivation und zum Autor dieser Seiten gibt es hier.

NKWD und Gestapo